Workshops
  • Thema Dokumentation

Workshop "Bildung und Lernen im Alter.
Inter- und transdisziplinäre Perspektiven und Einordnung zentraler Lernfelder"

Am 26. und 27. Juni 2026 veranstalteten die Zehnte Altersberichtskommission und der Arbeitskreis Geragogik der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie e. V. an der Katholischen Hochschule Freiburg einen gemeinsamen Workshop zum Thema „Bildung und Lernen im Alter“. Im Mittelpunkt standen inter- und transdisziplinäre Perspektiven auf kulturelle, politische und finanzielle Bildung sowie auf Bildung für Gesundheit und Prävention. Die Dokumentation gibt Einblick in die fachlichen Impulse, Diskussionen und zentralen Ergebnisse der Veranstaltung.

Die Fokusgruppen

Im Rahmen des Workshops brachten eingeladene Referent*innen aus Wissenschaft und Praxis ihre Expertise in vier Fokusgruppen ein. Die Impulsvorträge zu kultureller, politischer und finanzieller Bildung sowie zu Bildung für Gesundheit und Prävention stehen hier zur Verfügung. Die Diskussionen in den Fokusgruppen wurden dokumentiert und für die weitere Erarbeitung des Zehnten Altersberichts protokolliert.

Fokusgruppe "Kulturelle Bildung"

Welche Bedeutung hat kulturelle Bildung für ein gutes Leben im Alter? Und wie kann kulturelle Teilhabe unabhängig von Einkommen, Gesundheit, Herkunft oder Wohnort ermöglicht werden? Diesen Fragen widmete sich die Fokusgruppe „Kulturelle Bildung“ im Rahmen des gemeinsamen Workshops der Zehnten Altersberichtskommission und des Arbeitskreises Geragogik in Freiburg. Impulse gaben Dr. Miriam Haller vom kubia – Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur, Köln, und Christiane Kaminski, M. A., Vorsitzende des Fachverbands Kunst- und Kulturgeragogik e. V., Wolfenbüttel.

Miriam Haller ordnete kulturelle Bildung als zentrales Feld des Lernens im Alter ein. Sie zeigte, dass kulturelle Bildungsangebote ästhetische Lern- und Veränderungsprozesse anregen, soziale Kontakte sowie Gesundheit und Wohlbefinden fördern und zur kritischen Auseinandersetzung mit Altersbildern beitragen können. Zugleich verwies sie auf ungleiche Teilhabechancen und formulierte Anforderungen an barrierearme, diversitätssensible und qualitativ hochwertige Angebote. 

Christiane Kaminski veranschaulichte die Praxis der Kunst- und Kulturgeragogik anhand von Projekten wie der Aktionswoche „Kultur ist Menschenrecht – erst recht im Alter!“, dem Kulturfestival „blue OL“ und digitalen Mitmachformaten. Die Beispiele zeigten, wie künstlerische Aktivitäten in Kulturinstitutionen, Pflegeeinrichtungen, Quartieren und digitalen Räumen Zugänge eröffnen und ältere Menschen als aktiv Mitgestaltende sichtbar machen können. Hervorgehoben wurden dabei die Verbindung künstlerischer Methoden mit geragogischer Expertise sowie die Bedeutung tragfähiger Kooperationen. 

In der abschließenden Diskussion wurden Barrieren und Handlungsbedarfe auf individueller, organisationaler und struktureller Ebene gebündelt. Als zentrale Ansatzpunkte benannten die Teilnehmenden unter anderem eine verlässliche öffentliche und kommunale Förderung, die Zusammenarbeit von Kultur, Altenhilfe, Bildung und Gesundheitswesen, barrierearme und aufsuchende Angebote sowie die stärkere Berücksichtigung von Migration, Digitalisierung und unterschiedlichen Lebenslagen. Qualitätsentwicklung, Forschung und eine systematische Beteiligung älterer Menschen wurden als weitere Voraussetzungen für eine nachhaltige kulturelle Teilhabe hervorgehoben.

Fokusgruppe "Politische Bildung"

Wie kann politische Bildung ältere Menschen darin stärken, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch einzuordnen, demokratische Prozesse mitzugestalten und Radikalisierung entgegenzuwirken? Dieser Frage widmete sich die Fokusgruppe „Politische Bildung“ mit Impulsen von Dr. Tobias Müller vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg, Referat für Sozialpolitische Grundsatzfragen, Koordination und Quartiersentwicklung, sowie Prof. Dr. Marc Partetzke vom Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Politikwissenschaft, der Universität Hildesheim. 

Tobias Müller stellte Erkenntnisse der Projekte “RAGE BW” und “RAGE Prävention” zur rechten Radikalisierung im Alter vor. Das Radikalisierungspotenzial nimmt demnach im höheren Lebensalter nicht grundsätzlich ab; Ursachen und Ausdrucksformen können sich jedoch von denen jüngerer Menschen unterscheiden. Weil etablierte Ansätze aus der Jugendarbeit nur begrenzt übertragbar sind, werden alterssensible, beziehungsorientierte und sozialräumlich verankerte Präventionsangebote benötigt. 

Marc Partetzke ordnete politische Bildung als Voraussetzung für politische Selbstbestimmung, demokratische Urteilsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe ein. Er thematisierte aktuelle Herausforderungen wie gesellschaftliche Polarisierung, Desinformation, soziale Ungleichheit und den Druck auf demokratische Institutionen sowie das Spannungsverhältnis zwischen individueller Mündigkeit und der Stabilisierung demokratischer Ordnung. Zugleich hob er hervor, dass Wirkungen politischer Bildung kontextabhängig entstehen und daher nicht allein anhand einfacher Ursache-Wirkungs-Modelle beurteilt werden können. 

In der abschließenden Diskussion wurden politische Bildung im Alter und Radikalisierungsprävention als Querschnittsaufgaben auf individueller, organisationaler und gesellschaftlicher Ebene betrachtet. Als zentrale Anforderungen wurden biografie- und lebensweltorientierte Zugänge, kritische Medienbildung, niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten und die Qualifizierung von Fachkräften benannt. Empfohlen wurden zudem eine stärkere Vernetzung bestehender Strukturen, die politische Selbstorganisation älterer Menschen und generationenübergreifende Formate, die demokratische Teilhabe fördern.

Fokusgruppe "Finanzielle Bildung"

Im Mittelpunkt der Fokusgruppe „Finanzielle Bildung“ stand die Frage, wie ältere Menschen dabei unterstützt werden können, finanzielle Entscheidungen selbstbestimmt, sicher und informiert zu treffen. Impulse gaben Prof. Dr. Carmela Aprea von der Universität Mannheim, Fakultät für Betriebswirtschaftslehre, und Dr. Ewelina Mania vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE) in Bonn. 

Ausgehend vom demografischen Wandel, einer zunehmenden finanziellen Komplexität und sehr unterschiedlichen Einkommens- und Vermögenslagen im Alter verdeutlichte Carmela Aprea die Bedeutung finanzieller Bildung. Dabei zeigte sie, dass Finanzwissen allein finanzielle Sicherheit nicht gewährleistet: Auch digitale Kompetenzen, soziale und psychische Faktoren sowie die Passung zu konkreten Lebenslagen sind entscheidend. Finanzbildungsangebote für ältere Menschen sollten daher wissenschaftlich fundiert, unabhängig, bedarfsgerecht, ganzheitlich und auf nachweisbare Wirkungen ausgerichtet sein. 

Ewelina Mania ordnete finanzielle Bildung als lebenspraktischen Bereich der Erwachsenen- und Grundbildung ein. Im Fokus standen altersspezifische Themen wie digitale Finanzdienstleistungen, Betrugsschutz, der Umgang mit geringeren Einnahmen, Schulden, Vorsorge und Erbschaft sowie niedrigschwellige Zugänge zu bislang wenig erreichten Gruppen. Als besonders erfolgversprechend wurden lebenswelt- und sozialraumorientierte Angebote, persönliche Ansprache über vertraute Einrichtungen und Bezugspersonen sowie eine intersektionale Perspektive hervorgehoben. 

Abschließend wurde finanzielle Bildung als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und selbstbestimmtes Handeln diskutiert, zugleich aber vor einer Verkürzung auf reine Wissensvermittlung gewarnt. Erforderlich seien Angebote, die an Übergängen und Krisen wie Renteneintritt, Krankheit oder Pflegebedürftigkeit ansetzen, vorhandene Ressourcen stärken und unterschiedliche Bildungs-, Sprach- und Lebenslagen berücksichtigen. Als zentrale Qualitätsmerkmale wurden eine unabhängige und verständliche Ansprache, qualifizierte Lehrende, Kooperationen im Sozialraum sowie eine kontinuierliche Evaluation benannt.

Fokusgruppe "Bildung für Gesundheit & Prävention"

Wie kann Bildung ältere Menschen dabei unterstützen, ihre Gesundheit selbstbestimmt zu gestalten und präventive Angebote wirksam zu nutzen? Dieser Frage widmete sich die Fokusgruppe „Bildung für Gesundheit und Prävention“. Die Impulse gaben Prof. Dr. habil. Renate Schramek von der Hochschule Bochum, Fachbereich Gesundheitswissenschaften, und Linda Göbl vom Institut für Angewandte Forschung der Katholischen Hochschule Freiburg.

Die Referent*innen verdeutlichten, dass Gesundheitsbildung angesichts von Multimorbidität, geringer Gesundheitskompetenz und fortschreitender Digitalisierung eine hohe individuelle und gesellschaftliche Bedeutung besitzt. Bildung kann Gesundheitskompetenz, Selbstwirksamkeit, soziale Teilhabe und Lebensqualität fördern, muss dabei jedoch unterschiedliche Lebenslagen, biografische Erfahrungen sowie geschlechtsbezogene und soziale Ungleichheiten berücksichtigen. Geragogische und gesundheitswissenschaftliche Ansätze sollten deshalb stärker miteinander verbunden und durch niedrigschwellige, partizipative sowie lebensweltnahe Lernangebote ergänzt werden. 

In der abschließenden Diskussion wurden Herausforderungen auf der individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Ebene herausgearbeitet – darunter Falschinformationen, Diskriminierung, unzureichende Gesundheitskompetenz und eine häufig sektoral organisierte Angebotslandschaft. Als zentral galten transdisziplinäre Didaktik, qualifizierte Peer-to-Peer-Begleitung, Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie die aktive Beteiligung älterer Menschen an der Entwicklung und Qualitätssicherung von Angeboten. Empfohlen wurden zudem geschlechtersensible Zugänge, eine stärkere Vernetzung von Hochschulen, Gesundheitsversorgung und Kommunen sowie Bildungsangebote, die Empowerment und selbstbestimmtes Handeln ermöglichen.

Workshop „Empirische Analysen zu Bildung und Lernen im Alter“

Vom 9.-13. März 2026 fand in Freiburg im Breisgau ein Workshop der Zehnten Altersberichtskommission statt. Neun eingeladene Wissenschaftler*innen werteten eine Woche lang Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS) sowie des Surveys of Health, Ageing an Retirement in Europe (SHARE) aus, um Fragen zu Bildung und Lernen im Alter beantworten zu können. In einem intensiven Prozess und im engen Austausch mit Prof. Dr. Matthias Kliegel und Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff von der Altersberichtskommission erarbeiteten sie dabei neue empirische Erkenntnisse, die in den Zehnten Altersbericht einfließen werden. Vielen Dank an die Katholische Hochschule in Freiburg, die der Altersberichtskommission hierfür Räume und Infrastruktur zur Verfügung gestellt hat! 

Unter dem folgenden Link finden Sie auf der Open Science-Plattform Zenodo die bereits veröffentlichten Texte.

Zu den Publikationen

  • Die Teilnehmer*innen am Workshop. Von links nach rechts: Marleen Drewitz, Manuela Schulz, Linda Göbl, Jonas Fey, Matthias Kliegel, Fabio Fabreze, Luisa Bischoff, Frank Berner, Linda von Sobbe, Yevgeniy Martynovytch, Cornelia Kricheldorff, Rebecca Schmelzle
    © Janina Seibel/KH Freiburg
    Die Teilnehmer*innen am Workshop

    Von links nach rechts: Marlen Drewitz, Manuela Schulz, Linda Göbl, Jonas Fey, Matthias Kliegel, Fabio Franzese, Luisa Bischoff, Frank Berner, Linda von Sobbe, Yevgeniy Martynovych, Cornelia Kricheldorff, Rebecca Schmelzle.

  • Im Forschungsprozess. Von links nach rechts: Matthias Kliegel, Fabio Fabreze, Linda Göbl, Yevgeniy Martynovytch
    © Janina Seibel/KH Freiburg
    Im Forschungsprozess

    Von links nach rechts: Matthias Kliegel, Fabio Franzese, Linda Göbl, Yevgeniy Martynovych.

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